ABCphilDE    .    Phil-Splitter   .    Hegel -Philosophen   . - Logik   . - sthetik  . -Geschichte  . -Quell-Texte   .  -Grundbegriffe   .   Kunst&Wahn   .   Herok info 

sampea84b4b190df19da

Start

Beweise vom Dasein Gottes

Jdische Religion

Symbolik der Erhabenheit

Religion des Einen

Zweck Gottes mit der Welt

Bhagavad-Gita

Jogi und Zauberer

Brahma

Die chinesische Religion

Unendliche Liebe


DIe abstrakte oder verstndige Logik

Die Gte Gottes


Die dialektische oder
negativ-vernnftige Logik

Die Macht Gottes


DIe spekulative oder positiv-vernnftige Logik
Das Geheimnis Gottes

 

“ Gibt es Gott ?”  

Gott ist tot”    

Falsche christliche Demut                      

 

Hegel - Religion
berblick
     

Bibel-Hegel
1/2/3/4/5/6/
7

Islam

  HEGEL  -   Religion

manfred herok

G.W.F. HEGEL:       Vorlesungen ber die Philosophie der Religion - Inhaltsverzeichnis    >>>                            <>

Die Religion gibt die Darstellung des absoluten Geistes nicht blo fr Anschauung und Vorstellung,
sondern auch fr den Gedanken und die Erkenntnis.
>>>

JOGA - KRISCHNA - RAMAJANA - BRAHMA

G.W.F.Hegel
Rezensionen aus den Jahrbchern fr wissenschaftliche Kritik

ber die unter dem Namen Bhagavad-Gita bekannte Episode des Mahabharata von Wilhelm von Humboldt

Berlin 1826  1)                                                                                                       1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7                                                                            

Erster Artikel

Bei dem Gegenstand, ber welchen der hchstverehrte Herr Verfasser das Publikum mit seinen Untersuchungen hat beschenken wollen, drngt sich zunchst die Bemerkung auf, da der Ruhm der indischen Weisheit zu den ltesten Traditionen in der Geschichte gehrt.
 Wo von den Quellen der Philosophie die Rede ist, wird nicht nur auf den Orient berhaupt, sondern insbesondere auch namentlich auf Indien hingewiesen; die hohe Meinung von diesem Boden der Wissenschaft hat sich frh in bestimmtere Sagen, wie von einem Besuche, den Pythagoras auch dort gemacht habe, usf. gefat, und zu allen Zeiten ist von indischer Religion und Philosophie gesprochen und erzhlt worden.
Nur seit kurzem hat sich uns aber der Zugang zu den Quellen erffnet, und mit jedem Fortschritte, der in dieser Kenntnis gemacht wird, zeigt sich alles Frhere teils unbedeutend, teils schief und unbrauchbar.
So eine alte Welt Indien nach der allgemeinen Bekanntschaft der Europer mit diesem Lande ist, so ist es eine eben erst entdeckte neue Welt fr uns nach seiner Literatur, seinen Wissenschaften und Knsten.
Die erste Freude der Entdeckung dieser Schtze lie es nicht zu, sie mit Ruhe und Ma anzunehmen: William Jones 2) , dem wir es vornehmlich verdanken, sie uns aufgeschlossen zu haben, und andere ihm nach haben den Wert der Entdeckungen besonders auch darein gesetzt, in ihnen teils die direkten Quellen, teils neue Beglaubigungen fr die alten welthistorischen Traditionen, die sich auf Asien beziehen, sowie fr die weiter westlichen Sagen und Mythologien aufgefunden zu haben.
Die Bekanntwerdung aber mit Originalien selbst, auch die Aufdeckung ausdrcklichen weitlufigen Betrugs, den Kapitn Wilford 3) seinem Eifer, mosaischen Erzhlungen und europischen Vorstellungen und Kenntnissen und Aufschlssen ber die asiatische Geschichte usf. in der indischen Literatur nachzuspren, durch gefllige Brahmanen 4) spielen lie, hat darauf gefhrt, sich vor allem an die Originalien und an das Studium der Eigentmlichkeit indischer Ansichten und Vorstellungen zu halten.

Es ist von selbst klar, da unsere Kenntnisse nur durch solche Richtung wahrhaftig gefrdert werden. In diesem Sinne hat Herr von Humboldt die berhmte Episode des Mahabharata behandelt und unsere Einsicht in die indische Vorstellungsweise von den hchsten Interessen des Geistes wesentlich bereichert. Wirkliche Belehrungen knnen nur hervorgehen aus der in der vorliegenden Abhandlung ausgezeichneten, seltenen Vereinigung von grndlicher Kenntnis der Originalsprache, von vertrauter Bekanntschaft mit der Philosophie und von besonnener Zurckhaltung, ber den strikten Sinn des Originals nicht hinauszugehen, nichts anderes und nicht mehr zu sehen, als genau darin ausgedrckt ist.
In dem Vorhererwhnten ist unsere vollkommene Beistimmung zu der Erinnerung des Herrn Verfassers enthalten, welche derselbe in einer Vorbemerkung macht, da es "schwerlich" (wir drfen dies zurckhaltende "schwerlich" wohl dreist in "gar nicht" verwandeln) "ein anderes Mittel gibt, die mannigfaltigen Dunkelheiten aufzuklren, welche noch in der indischen Mythologie und Philosophie brigbleiben, als jedes der Werke, die man als Hauptquellen derselben ansehen kann, einzeln zu exzerpieren und erst vollstndig fr sich abzuhandeln, ehe man Vergleichungen mit anderen anstellt".
Nur eine solche Arbeit wrde eine Grundlage abgeben, alle indischen philosophischen und mythologischen Systeme ohne Gefahr der Verwirrung miteinander vergleichen zu knnen.
- Man braucht nur den Versuch gemacht zu haben, auch aus neueren Schriftstellern, welche Quellen vor sich gehabt ber indische Religion, Kosmogonie, Theogonie, Mythologie usf., sich zu unterrichten, so wird man bald die Erfahrung machen, da, wenn man aus einem solchen Schriftsteller eine bestimmte Kenntnis der Grundzge indischer Religion erworben zu haben meint und nun an einen anderen geht, man sich hier unter ganz anderen Namen, Vorstellungen, Geschichten usf. befindet.
Das hierdurch geschpfte Mitrauen mu sich in die Einsicht auflsen, da man berall nur partikulre Darstellungen vor sich gehabt und nichts weniger als eine Kenntnis von allgemeiner indischer Lehre gewonnen hat. In so vielen deutschen Schriften, in welchen indische Religion und Philosophie ausdrcklich oder gelegentlich dargestellt ist, wie auch in den vielen Geschichten der Philosophie, wo sie ebenfalls aufgefhrt zu werden pflegt, findet man eine aus irgendeinem Schriftsteller geschpfte partikulre Gestalt fr indische Religion und Philosophie berhaupt ausgegeben.

Aber das vorliegende Gedicht scheint insbesondere geeignet zu sein, uns eine bestimmte Vorstellung von dem Allgemeinsten und Hchsten der indischen Religion gewhren zu knnen. Es hat als Episode ausdrcklich eine doktrinelle Bestimmung und ist damit freier von der wilden, enormen Phantasterei, die in der indischen Poesie herrscht, wenn sie erzhlend ist und uns Begebenheiten und Taten von Heroen und Gttern, von Entstehung der Welt usf. schildert. Es ist zwar ntig, auch in diesem Gedichte vieles zu ertragen und abzuziehen, um sich das Interessante herausheben zu knnen.
- Der groe Generalgouverneur von Indien, Warren Hastings, dem wir vornehmlich die erste Bekanntschaft mit dem Ganzen dieses Gedichts durch die Aufmunterung verdanken, fr welche der erste bersetzer desselben, Wilkins5) , sich demselben verpflichtet erkennt, sagt in dem Vorworte, das jener bersetzung vorangeht, da man, um das Verdienst einer solchen Produktion zu schtzen, alle aus der europischen alten oder modernen Literatur geschpften Regeln, alle Beziehungen auf solche Empfindungen oder Sitten, welche in unserem Denken und Handeln die eigentmlichen Grundstze sind, und ebenso alle Appellationen an unsere geoffenbarten Religionslehren und moralischen Pflichten gnzlich ausschlieen msse. Dann fgt er weiter hinzu, jeder Leser msse zum voraus die Eigenschaften von Dunkelheit, Absurditt, barbarischen Gebruchen und einer verdorbenen Moralitt zugegeben haben. Wo denn das Gegenteil zum Vorschein komme, habe er es nun als reinen Gewinn zu betrachten und es ihm als ein Verdienst zuzugestehen, das im Verhltnis mit der entgegengesetzten Erwartung stehe.
Ohne eine solche Nachsicht in Anspruch zu nehmen, htte er es schwerlich wagen drfen, dieses Gedicht zur Herausgabe zu empfehlen. Herr von Humboldt hat uns durch die mhsame und sinnige Zusammenstellung der Grundgedanken, die in den achtzehn Gesngen des Werks ohne Ordnung enthalten sind, die Mhe jenes Abziehens erleichtert oder erspart; solcher Auszug enthebt uns insbesondere auch der Ermdung, welche die tdisen Wiederholungen der indischen Poesie hervorbringen.

Dieses Gedicht, eine Unterredung des Krischna
(Bhagavad ist, wie W. Hastings die ungelehrten Leser belehrt und wofr auch ich ihm Dank wei, einer der Namen Krischnas), hat in Indien den Ruhm, das Allgemeinste der indischen Religion vorzutragen. Herr A. W. v. Schlegel in der Vorrede zu seiner Ausgabe [1823] (S. VIII) desselben bezeichnet es als "carmen philosophicum, quo vix aliud ullum sapientiae et sanctitatis laude per totam Indiam celebratius exstat".
Dasselbe bezeugt Wilkins in der Vorrede zu seiner bersetzung; er sagt, die Brahmanen sehen es dafr an, da es alle groen Mysterien ihrer Religion enthalte.
- Es ist dieser Gesichtspunkt, auf welchen die folgenden Bemerkungen gerichtet sein sollen. Die vorliegende Abhandlung, welche die Veranlassung dazu ist, indem sie uns die Grundlehren so bestimmt zusammenstellt, fhrt von selbst auf solche Betrachtung und gewhrt die Leichtigkeit, dabei nur ihrer Anleitung folgen zu drfen.

Ich fhre zunchst die Situation des Gedichtes an, weil sie sogleich charakteristisch genug ist. Der Held Ardschuna, im Kriege mit seinen Verwandten, an der Spitze seines Heeres, den Gott Krischna zu seinem Wagenlenker, vor sich die zur Schlacht aufmarschierte feindliche Armee, und indem schon die Schlachtmusik der Hrner, Muscheln, Trompeten, Pauken usf. vom Himmel zur Erde frchterlich widerhallt, schon Geschosse fliegen, gert in zaghaften Kleinmut, lt Bogen und Pfeile fallen und fragt Krischna um Rat; das Gesprch, das hierdurch veranlat wird, gibt ein vollstndiges philosophisches System in achtzehn Gesngen, welche die beiden bersetzer "Lektionen" benennen und die das
Bhagavad-Gita heien.
- Solche Situation widerspricht freilich allen Vorstellungen, die wir Europer vom Kriegfhren und dem Augenblicke haben, wo zwei groe Armeen schlagfertig einander gegenbergetreten sind, sowie allen unseren Forderungen an eine poetische Komposition, auch unseren Gewohnheiten, auf die Studierstube oder sonstwohin, gewi wenigstens nicht in den Mund des Generals und seines Wagenlenkers in solcher Entscheidungsstunde die Meditation und Darstellung eines vollstndigen philosophischen Systems zu versetzen. - Dieser uere Eingang bereitet uns darauf vor, da wir auch ber das Innere, die Religion und Moralitt, ganz andere als uns gewhnliche Vorstellungen zu erwarten haben.

Die groen Interessen unseres Geistes knnen im allgemeinen unter die zwei Gesichtspunkte des Theoretischen und Praktischen gebracht werden, deren jenes das Erkennen, dieses das Handeln betrifft. Nach diesen beiden Bestimmungen ordnet der philosophische Sinn des Herrn Verfassers die Lehren des Werks zusammen.
Nach der Veranlassung der Unterredung wird das praktische Interesse zuerst betrachtet. Hier findet sich als Prinzip (S. 6) die Notwendigkeit des Verzichtens auf die Frchte der Handlungen, auf alle Rcksicht des Erfolgs ausgesprochen.
Nie, sagt Krischna, sei die Wrdigung des Werts des Handelns in die Frchte gesetzt; dieser Gleichmut bezeichnet, wie der hchstverehrte Herr Verfasser mit Recht sagt, "unleugbar philosophisch eine an das Erhabene grenzende Seelenstimmung".
Wir knnen darin die moralische Forderung, das Gute nur um seiner selbst, die Pflicht nur um der Pflicht willen zu tun, erkennen.
Aber da die Forderung solcher Gleichgltigkeit gegen den Erfolg zugleich eine groe poetische Wirkung hervorbringe (ebendaselbst), dagegen etwa knnen sich Zweifel erheben, wenn man fr poetische Charaktere mehr eine konkrete Individualitt, die Richtung ihrer ganzen Intensitt auf ihre Zwecke und deren Verwirklichung zu fordern und nur in dieser Einigkeit ihrer Willenskraft mit den Interessen, welche sie behaupten, poetische Lebendigkeit und damit groe poetische Wirkung zu sehen geneigt sein mchte.

Auer diesem groen moralischen Sinne entsteht fr das praktische Interesse aber sogleich das zweite Bedrfnis, welche Zwecke sich das Handeln zu setzen, welche Pflichten es zu vollbringen oder bei irgendeinem von der Willkr und den Umstnden bestimmten Interesse zu respektieren habe. Auf diesen Gesichtspunkt erlaube ich mir episodischerweise die Aufmerksamkeit zu richten, weil jenes indische Prinzip gleich dem neuerer Moral fr sich noch nicht weiter fhrt und aus ihm selbst keine sittlichen Pflichten hervorgehen knnen. Man kann solche Bestimmungen zunchst in der Veranlassung des ganzen Gedichts zu finden erwarten, und nur hierauf soll sich das Aufsuchen zunchst beschrnken; weiterhin ist das Verhltnis von Pflicht und Handeln berhaupt zur Joga-Lehre in Betracht zu ziehen.
- Da der Krieg des Ardschuna, den er gegen seine Verwandten unternommen,
gerecht ist, haben wir etwa vorauszusetzen; es tritt nicht in den Kreis des Bhagavad-Gita ein, das Prinzip dieses Rechts nher zu erlutern.
Der Zweifel aber, der den Ardschuna befllt im Augenblicke, wo die Schlacht beginnen soll, ist eben der Umstand, da es seine und seines Heeres Verwandte sind, die er bekmpfen soll und die genau aufgezhlt sind: Lehrer, Vter, Shne, ingleichen Grovter, Oheime, Schwiegervter, Neffen, Schwger und Agnaten.
- Ob nun dieser Zweifel eine sittliche Bestimmung, wie es uns zunchst scheinen mu, enthalte, dies mu von der Art des Werts abhngen, welcher von des Inders Ardschuna Sinne auf das Familienband gelegt wird. Fr den moralischen Sinn der Europer ist das Gefhl dieses Bandes das Sittliche selbst, so da die Familienliebe als solche das Erschpfende ist und das Sittliche allein darin besteht, da alle damit zusammenhngenden Empfindungen der Ehrfurcht, des Gehorsams, der Freundschaft usf. sowie die auf das Familienverhltnis sich beziehenden Handlungen und Pflichten jene Liebe zu ihrer Grundlage und zum fr sich gengenden Ausgangspunkte haben.
Allein es zeigt sich, da es nicht diese moralische Empfindung ist, welche in dem Helden den Widerwillen, die Verwandten auf die Schlachtbank zu bringen, veranlat.
Wir wrden in Verbrechen verfallen, sagt er, wenn wir jene Ruber (Wilkins: Tyrannen) tteten; nicht so, da das Tten derselben als Anverwandter (die Lehrer immer mit eingeschlossen) selbst das Verbrechen wre, sondern das Verbrechen wre eine Folge, diese nmlich, da durch die Ausrottung der Geschlechter die sacra gentilitia, die einer Familie zur Pflicht gemachten und religisen Handlungen zugrunde gingen. Wenn dies erfolgt, so wchst die Gottlosigkeit durch den ganzen Stamm (dies ist fr uns etwas zu inkohrent, indem etliche Worte vorher die Ausrottung des Stammes angenommen war). Dadurch werden die edlen Frauen - von dem Stamme knnen nur die Mnner, da nur sie sich in der Schlacht befinden, zunchst umkommen - verdorben, und es entsteht daraus die Warna-sankara, die Vermischung der Kasten (the spuriaus brood).
Das Verschwinden aber des Kastenunterschiedes bringt die, welche an dem Untergange der Stmme schuld sind, und den Stamm selbst ins ewige Verderben (Schlegel: "inferis mancipant", Wilkins: "provideth Hell for those" etc.), denn die Voreltern strzen aus den Himmeln herab, weil sie der Kuchen und des Wassers frder entbehren,
- die Opfer nmlich nicht mehr erhalten, indem ihre Nachkommen die Reinheit des Stammes nicht bewahrt haben; Nachkommen, wird zugegeben, knnen die Voreltern immer noch haben, von denselben knnten sie also auch Opfer bekommen, allein diese Opfer wrden ihnen ungedeihlich sein, weil sie von einer Bastardbrut gebracht wren, und so unterbleiben sie von selbst. Wie Wilkins angibt (in den Noten zu S. 32), werden die Kuchen nach Verordnung der Wedas den Manen bis in die dritte Generation gebracht, am Tage jedes Neumonds, die Wasserlibation aber tglich.6)
Erhalten die Verstorbenen keine solchen Opfer, so sind sie zu dem Lose verurteilt, in unreinen Bestien wiedergeboren zu werden.

Was hieraus fr das Interesse eines praktischen Prinzips hervorgeht, ist, wie wir sehen, da zwar das Gefhl des Familienbandes als Grundlage erscheint, aber da dessen Wert nicht als Familienliebe und hiermit nicht als moralische Bestimmung gehalten ist.
Das Gefhl dieses Bandes haben auch die Tiere; im Menschen wird es zugleich geistig, aber sittlich nur, insofern es in seiner Reinheit erhalten oder vielmehr in seine Reinheit als Liebe ausgebildet und, wie vorhin bemerkt, diese Liebe als Grundlage festgehalten wird. Hier wird vielmehr der Wert auf die Verwandlung dieses Bandes in einen aberglubischen Zusammenhang gesetzt, in einen zugleich unmoralischen Glauben an die Abhngigkeit des Schicksals der Seele nach dem Tode von den Kuchen und Wassersprengungen der Verwandten, und zwar solcher, welche dem Kastenunterschied treu geblieben sind.

So haben wir uns auch nicht durch den ersten guten Anschein tuschen zu lassen, wenn wir in der Auseinandersetzung, die Ardschuna von seinen Zweifeln macht, sogleich auf Stze stoen, in denen wir die Religion ganz hochgestellt finden.
Der schon oben angefhrte Satz, nach der Schlegelschen bersetzung (S. 132):
"religione deleta per omnem stirpem gliscit impietas", klingt nach unserem europischen Sinne so im allgemeinen genommen sehr gut. Nach den gemachten Bemerkungen aber heit religio Kuchenopfer und Wassersprengungen, und die impietas heit teils das Unterbleiben von solchen Zeremonien, teils das Heiraten in niedrigere Kasten,
- ein Gehalt, vor dem wir weder religise noch moralische Achtung haben.
- In der Indischen Bibliothek, Bd. II, Heft 2, bestimmt Herr von Humboldt das, was hier impietas lautet, nher zur Bedeutung von vernichtetem Rechte.
- Der Dichter hat sich hierin noch nicht ber den gemeinen indischen Aberglauben zu einer sittlichen, wahrhaft religisen oder philosophischen Bestimmung erhoben.

Sehen wir nun, was Krischna auf die Bedenklichkeiten des Ardschuna erwidert.
Das nchste ist, da er noch diese Unlust zum Kampf Schwche, eine unwrdige Feigheit nennt, aus der er sich ermannen solle. In Wilkins' bersetzung liegt eine ausdrcklichere Erinnerung an die Pflicht (wie derselbe erlutert: des Soldaten gegenber den allgemeinen moralischen Pflichten). Wenn die moralische Kollision auch nicht bestimmter durch den Ausdruck hervorgehoben ist, so ist sie [doch] vorhanden, und fr die Auflsung ist jenes bloe Schmlen Krischnas nicht befriedigend; auch gengt es dem Ardschuna nicht, der vielmehr nur das schon Gesagte wiederholt und bei seinem Entschlusse, sich nicht zu schlagen, beharrt.

Nun fngt Krischna an, die hhere, alles berfliegende Metaphysik loszulegen, welche einerseits ber das Handeln ganz hinaus zum reinen Anschauen oder Erkennen und damit in das Innerste des indischen Geistes bergeht, andererseits die hhere Kollision zwischen dieser Abstraktion und dem Praktischen und damit das Interesse herbeifhrt, sich um die Art umzusehen, wie diese Kollision vermittelt und aufgelst sei.

Das nchste jedoch, was Krischna entgegnet, fhrt nicht sogleich zu jener Hhe fort; der metaphysische Anfang fhrt zunchst nur auf gewhnliche populre Vorstellungen. Krischna sagt, da Ardschuna zwar weise Reden fhre, aber die Weisen betrauern weder die Toten noch die Lebendigen.
"Weder ich, Krischna, bin jemals nicht gewesen, noch du, noch alle diese Knige der Sterblichen, noch ist es jemals in Zukunft, da wir nicht sein werden.
- Diese Leiber, welche von der unvernderlichen, unzerstrbaren und unendlichen Seele belebt sind, werden hinfllig genannt; darum kmpfe, Ardschuna!
- Wie kann der Mensch, der wei, da die Seele unsterblich ist, meinen, da er sie tten lassen oder tten knne? Wie kannst du dazu kommen, sie zu beklagen?
Wenn du aber auch glaubst, da die Seele entstanden sei und sie wieder sterben werde, so kannst du auch so nicht um sie klagen; denn dem, was geboren, ist der Tod gewi,
und dem, was gestorben, die Geburt; ber das Unvermeidliche mut du daher dir keinen Kummer machen!" - Eine moralische Bestimmung, die wir suchen, ist hierin nicht wohl zu sehen. Es ist dasselbe, was wir sonst lesen: "Freund, es sind sterbliche Menschen, sterbliche Menschen, die du zu tten im Begriffe bist; die Seele aber wirst du nicht tten, denn sie kann nicht gettet werden." Wir finden ohne Zweifel, da, was zuviel beweist (aus dem Tten berhaupt wird in solcher Vorstellung nicht viel gemacht), gar nichts beweist.

Dann fhrt Krischna fort: "Eingedenk der Pflichten deiner besonderen Kaste geziemt dir, nicht zu zagen; fr einen Kschatrija gibt es nichts Hheres als Krieg."
Bei Schlegel heit es dort: "proprii officii memorem" etc., und hier: "legitimo bello melius quidquam militi evenire nequit", so auch in der Folge. Europer, die dies lesen, nehmen es ohne Zweifel in dem Sinne der Pflicht des Soldaten als eines solchen; so haben diese Aufrufungen einen moralischen Sinn fr sie, wenn sie sich nicht erinnern, da in Indien Stand und Pflicht eines Soldaten nicht eine Sache fr sich, sondern an die Kaste gebunden und beschrnkt ist. Wilkins gibt in seiner bersetzung die bestimmteren Ausdrcke
"the duties of thy particular tribe" und "a soldier of the Kshatree tribe has no duty superior to fighting".
Die allgemeinen Ausdrcke proprium officium und milites, wie vorhin religio und impietas, versetzen uns zunchst nur in europische Vorstellung, sie benehmen dem Inhalt seine Farbe, veranlassen es zu leicht, uns ber die eigentmliche Bedeutung zu tuschen und die Stze fr etwas Besseres zu nehmen, als sie in der Tat sagen.
- In dem eben Angefhrten liegt ebensowenig das, was wir Pflicht nennen, sittliche Bestimmung, sondern nur Naturbestimmung zugrunde.
- Weiter hlt Krischna dem Ardschuna noch die Schande vor, in die er sich bei Freund und Feind strzen wrde, - ein passendes, doch fr sich formelles Motiv, indem es immer darauf ankommt, worein die Ehre und Schande gesetzt wird.

Aber Krischna setzt nun hinzu, da dies, was er hier dem Ardschuna vorgehalten, nach der Sankhja-Weise gesprochen, da er nun aber nach der Joga-Weise sprechen werde. Hiermit erffnet sich erst das ganz andere Feld indischer Betrachtungsweise.
Die Zusammenstellung, die Erluterungen und Aufschlsse, welche uns ber diese hervorstechendste Seite des Gedichts der hchstverehrte Herr Verfasser aus seinem tiefen Sinne und dem Schatze seiner Gelehrsamkeit gibt, sind von vorzglichem Interesse.
Der hhere Schwung oder vielmehr die erhabenste Tiefe, welche sich hier auftut, fhrt uns sogleich ber den europischen Gegensatz, mit welchem wir diese Darstellung erffnet, von dem Praktischen und Theoretischen hinaus; das Handeln wird im Erkennen oder vielmehr in der abstrakten Vertiefung des Bewutseins in sich absorbiert.
Auch Religion und Philosophie flieen hier so ineinander, da sie zunchst ununterscheidbar scheinen. So hat der Herr Verfasser gleich von Anfang den Inhalt des Gedichts, wie oben angegeben, ein vollstndiges philosophisches System genannt.
Es macht berhaupt in der Geschichte der Philosophie eine bedeutende Schwierigkeit und Verlegenheit aus, insbesondere in den lteren Perioden der Bildung eines Volkes, eine Grenze zwischen diesen Weisen des Bewutseins, denen gemeinschaftlich das Hchste und darum Geistigste, nur im Gedanken seinen Wohnsitz Habende Gegenstand ist, zu bestimmen und eine Eigentmlichkeit auszufinden, vermge deren solcher Inhalt nur der einen oder der anderen Region angehrte. Fr die indische Bildung ist uns nun endlich eine solche Unterscheidung mglich geworden durch die auch von dem Herrn Verfasser fters angefhrten Auszge, welche Colebrooke aus eigentlich philosophischen Werken der Inder in den Transactions of the Royal Asiatic Society, Vol. I, dem europischen Publikum gegeben hat und die zu den schtzenswertesten Bereicherungen gehren, welche unsere Kenntnis auf diesem Felde erhalten konnte.

Bei den philosophischen Systemen zeigt es sich gleichfalls, da, wie hier im Gedicht, Sankhja-Lehre und Joga-Lehre eine Grundunterscheidung zwischen denselben ausmacht; obgleich Sankhja zunchst als eine allgemeinere Bestimmung (bei Colebrooke) erscheint, unter welche hiermit auch die Joga-Lehre befat wird, so ist doch die Unterscheidung des Inhalts vornehmlich an jene Verschiedenheit des Ausdrucks geknpft.
-Was zunchst Sankhja betrifft, so fhre ich aus Colebrooke an, da ein System der Philosophie so genannt werde, in welchem die Przision des Zhlens oder Rechnens in der Aufzhlung seiner Prinzipien beobachtet werde; Sankhja heie eine Zahl.
In der Tat zeigen sich die philosophischen Systeme, mit denen er uns bekannt macht, vornehmlich als Aufzhlungen von den Anzahlen der Gegenstnde, Elemente, Kategorien usf., welche jedes System annimmt und welche so nacheinander vorgetragen, dann fr sich nher erlutert und bestimmt werden. Das Wort, von welchem Sankhja herkomme, bedeute berhaupt Rsonieren oder Nachdenken (reasoning or deliberation); wie denn auch Herr von Humboldt in den Bemerkungen, welche er ber die Kritik des Herrn Langlois von der Schlegelschen Ausgabe und bersetzung des Bhagavad-Gita in der Indischen Bibliothek gegeben, daselbst Bd. II, Heft 2, S. 236 die Sankhja-Lehre eben dahin bestimmt, da in ihr das rsonierende und philosophierende Nachdenken rege sei.

Was vorhin in Rcksicht auf moralische Bestimmungen ausgehoben worden, zeigte sich als sehr unbedeutend, und wir wrden dergleichen als populre, ganz gewhnliche Motive charakterisieren. Wenn nun das brige das Interessantere ist, worin, wie Herr von Humboldt S. 32 heraushebt, in seinem Vortrage Krischna sichtlich bei dem Joga stehenbleibt, so ist jedoch einerseits gleich zu bemerken, da auf dem hchsten indischen Standpunkte, wie dies auch im Bhagavad-Gita in der 5. Lekt., 5. sl., ausgesprochen ist, dieser Unterschied verschwindet; beide Weisen haben ein Ziel und
"Unam eandemque esse disciplinam rationalem (Sankhja-Schastra) et devotionem
(Joga-Schastra) qui cernit, is vere cernit" (Schlegelsche bersetzung).
Andererseits kann erinnert werden, da, sosehr in diesem letzten Ziel indische Religion und Philosophie bereinkommen, doch die Ausbildung dieses einen Zieles und wesentlich des Weges zu diesem Ziele, wie sie durch und fr den Gedanken zustande gebracht worden, so zu dem Unterschied von der religisen Gestalt gediehen ist, da sie sehr wohl den Namen der Philosophie verdient. Vollends zeigt sich der Weg, den die Philosophie vorzeichnet, eigentmlich und wrdig, wenn man ihn mit dem Wege vergleicht, welchen die indische Religion teils vorschreibt, teils, wenn sie selbst den hheren Schwung zu dem Joga-Sinne nimmt, noch gleichsam vermengungsweise zult. So wrde man der indischen Philosophie, welche Sankhja-Lehre ist, hchst unrecht tun, wenn man sich ein Urteil ber sie und ihre Weise aus dem, was nach obigem in dem Bhagavad-Gita Sankhja-Lehre heit und was ber die gemeinen, populr-religisen Vorstellungen nicht hinausgeht, machen wrde.

Fr eine kurze Bestimmung der Joga-Lehre knnen wir am zweckmigsten gleichfalls anfhren, was Herr von Humboldt (Indische Bibliothek, Bd. II, Heft 2, S. 236) von ihr angibt, da in ihr nmlich dasjenige Nachdenken (wenn es etwa noch so heien kann) rege sei, welches ohne Rsonnement durch eine Vertiefung zur unmittelbaren Anschauung der Wahrheit, ja zur Vereinigung mit der Unwahrheit selbst gelangen will.
Aus den Darstellungen des Herrn Verfassers dasjenige zu entnehmen, was sich in dieser Joga-Richtung fr die Bestimmung von Gott sowie fr das Verhltnis des Menschen zu Gott, ferner dann auch wieder fr den Gesichtspunkt des Handelns und der Sittlichkeit ergibt, soll der Gegenstand eines zweiten Artikels sein.

 

 

1) in: Jahrbcher fr wissenschaftliche Kritik 1827, Nr. 7/8, 181/182, 183/184, 185/186, 187/188

2) Sir William Jones, 1746-l794, englischer Orientalist

3) Francis Wilford, ?-1822, englischer Orientalist

4) *Der Pandit, welchem Wilford auch ausdrcklich aufzugeben die Unvorsichtigkeit hatte, ber Geschichten, die er demselben aus mosaischen, griechischen und anderen Grundlagen erzhlte, Nachforschungen anzustellen fand gefllig alles, was der Kapitn wnschte, in den Werken, welche ihm dieser mit groen Kosten lieferte. Als derselbe die Falschheit der gemachten Auszge zu entdecken anfing, verflschte der Pandit die Manuskripte auf das frechste, um sich herauszuziehen, setzte sich in die heftigsten Paroxysmen der Wut, rief die Rache des Himmels mit den horribelsten, furchtbarsten Verwnschungen auf sich und seine Kinder herab, wenn die Auszge nicht treu seien. Er brachte zehn Brahmanen herbei, die ihn nicht etwa nur zu verteidigen, sondern bei allem, was das Heiligste in ihrer Religion ist, auf die Richtigkeit der Auszge zu schwren bereit waren. "Nachdem ich ihnen einen strengen Verweis ber diese Prostitution ihres priesterlichen Charakters gegeben, gestattete ich es nicht, da sie dazu Fortgingen" (Wilfords eigene Erzhlung in Asiatic Researches, T. VIII, p. 251). - Von Werken, welche die Frchte der mhsamen, ehrenvollsten Anstrengungen sind, wie z. B. [Marie Elisabeth] de Poliers Werk Mythologie des Indous [2 Bde., Paris 1809], werden wir nun (es ist erst 1809 erschienen) Bedenken tragen, Gebrauch zu machen, da es auf Diktaten und mndlichen Angaben von Brahmanen beruht, vollends da wir von Colebrooke (Henry Thomas Colebrooke, 1765-1837, Hauptbegrnder der Indologie) wissen, welchen Verflschungen und beliebigen berarbeitungen und Einschaltungen selbst Werke wie astronomische, die berdem ihres Altertums und der Autoritt ihrer Verfasser wegen in hoher Verehrung stehen, ausgesetzt gewesen sind und immer sind.

5) Charles Wilkins, 1749-1836, englischer Orientalist

6) *Das Ausfhrlichere ber diese Totenopfer ist bei [Eduard] Gans, Erbrecht in Weltgeschichtlicher Entwicklung (I. Bd. S. 9 ff.) zu finden, wo berhaupt die Natur der indischen Ehe und des Familienbandes dargestellt wird; die Vaterschaft hat das Interesse, Kinder als Werkzeuge fr die Abtragung der Schuld des Totenopfers an die Vorfahren zu erhalten (S. 247). Die ausschweifenden Weisen, zu diesem Behuf Kinder zu bekommen, werden S. 78 f. angefhrt. Auch ist S. 90 angefhrt, da die oben mit den Verwandten aufgefhrten Lehrer beim Mangel anderer Anverwandten als Erben eintreten.

Bhagavad-Gita                     Joga                  Krischna                     Jogi und Zauberer

Ramajana                     Brahma                    Wedas

    ABCphilDE    .    Phil-Splitter   .    Hegel -Philosophen   . - Logik   . - sthetik  . -Geschichte  . -Quell-Texte   .  -Grundbegriffe   .   Kunst&Wahn   .   Herok info 

[RELIGION] [Bhagavad-Gita] [Joga] [G.W.F.Hegel - Krischna] [Jogi und Zauberer] [Ramajana] [Brahma] [Wedas] [Die chinesische Religion] [Jdische Religion] [Symbolik der Erhabenheit] [Mohammedanismus] [Mystik-Poesie] [Arabische Philosophie] [Mohammedanische Poesie] [Der Gegensatz des Christlichen und Mohammedanischen] [Sinn der bestimmten Religion] [Religion der Erhabenheit] [Religion des Einen] [Jdische, heidnische Religion als uerliche Geschichte] [Die Religion der Zweckmigkeit oder des Verstandes] [Real.  des Geistes] [Zweck Gottes m. d. Welt] [Selbstgefhl] [Die Endlichkeit in der sinnlichen Existenz] [Beweise vom Dasein Gottes] [Beweise vom Dasein Gottes 2] [Beweise vom Dasein Gottes 3] [Beweise vom Dasein Gottes 4] [Beweise vom Dasein Gottes 5] [Beweise vom Dasein Gottes 6] [Beweise vom Dasein Gottes 7] [Beweise vom Dasein Gottes 8] [Hegel-Beweise vom Dasein Gottes 9] [Beweise vom Dasein Gottes 10] [Einschaltung] [Beweise vom Dasein Gottes 11] [Beweise vom Dasein Gottes 12] [Beweise vom Dasein Gottes 13] [Gotteesbeweise 14] [Beweise vom Dasein Gottes 15] [Beweise vom Dasein Gottes 16] [Die Beweise vom Dasein Gottes] [Zweite Vorlesung] [Dritte Vorlesung] [Vierte Vorlesung] [Fnfte Vorlesung] [Sechste Vorlesung] [Siebente Vorlesung] [Achte Vorlesung] [Neunte Vorlesung] [Zehnte Vorlesung] [Einschaltung [Kants Kritik des kosmologischen Beweises]] [Elfte Vorlesung] [Zwlfte Vorlesung] [Dreizehnte Vorlesung] [Vierzehnte Vorlesung] [Fnfzehnte Vorlesung] [Sechzehnte Vorlesung] [Ausfhrung des teleologischen Beweises] [Ausfhrung des ontologischen Beweises] [Ausfhrung des teleologischen und ontologischen Beweises] [Ausfhrung des ontologischen Beweises in den Vorlesungen ber Religionsphilosophie vom Jahre 1831] [Unendliche Liebe] [Vorlesungen ber die Philosophie der Religion] [Die Religion]

Phil-Splitter

 

since Jan 2013 
ABCphilDE/Phil-Splitter      > DETAILS

Flag Counter